StaffelEins Mord iBWas für ein Krimisonntag. So einen schlechten Tag habe ich schon lang nicht mehr erwischt, fernsehmäßig. Zuerst dieser Tatort und dann das! Das ZDF setzt den Zuschauern alle Nase lang eine neue Krimiserie am späten Sonntag Abend vor, aber an Chief Inspector Barnaby kommt keiner ran. Gestern hat man den Zuschauern die erste Folge der ersten Staffel von “Mord in Brügge” zugemutet. Zum Glück habe ich die Kurzkritik der taz nicht vorher gelesen, sonst hätte ich mittendrin ausgeschaltet und hätte diesen Artikel gar nicht schreiben können.

Unter dem Titel “Die Affaire Dreyse” beginnt der Krimi mit bzw. nach einem Überfall auf einen Mann, der mit einer alten Pistole niedergeschlagen wurde und ein Teil seiner Sammlung antiker Schusswaffen geraubt wurde. Seine Frau denkt zunächst er sei tot, deshalb meldet sie telefonisch und emotional sichtlich wenig berührt einen Mord. Als der Mann aber die Augen kurz öffnet, vermittelt sie der Polizei am anderen Ende der Leitung, “die Sache habe sich erledigt”.

Kommissar Pieter van In (Herbert Flack)ermittelt trotzdem, obwohl es anfangs gar keinen Toten gibt. Der Überfallene sei nämlich ein “Börsenguru”, sagt der Mitarbeiter des Kommissars. UUhhh, toll, ein Börsenguru! Mal ehrlich, wieviele Börsengurus kennen Sie beim Namen? Damit fängt die Kette der Unglaubwürdigkeiten schon an.

Die Frau des Überfallenen verhält sich so, wie es sich nur ein Mann ausdenken kann: sie lässt keine Gelegenheit aus, sich zu entblättern und ihren blanken Busen in die Kamera zu halten. Noch als ihr Mann im Krankenhaus ist, verführt sie einen Freund des Hauses, den Krimiautor Namehabeichvergessen, am Pool. Ihr Mann kehrt verfrüht aus der Klink zurück, überrascht die beiden, macht aber keine große Sache draus. Er setzt sich an den Küchentisch auf dem eine Wachstuchtischdecke drapiert ist. Sie haben richtig gelesen, im Haus eines stinkreichen “Börsengurus” mit Pool und einer Sammlung alter Schusswaffen eine Wachstuchtischdecke. Hat der Stylist grauen Star oder wollte er mal “was Freches” machen?

Der Krimiautor stirbt wenige Film-Minuten später durch einen Schuss in den Mund an seinem Schreibtisch. Schuss in den Mund? Das ist eine Methode der Mafia! Auf etwa diesem Niveau spielt sich leider die Handlungskompetenz der Polizei ab.

Was solls, endlich ein Fall, scheinen sich die beiden Kommissare nun gedacht zu haben und machen sich sogleich ans Werk, selbigen zu lösen; indem sie die Krimis des Toten lesen, um ihn besser kennenzulernen, weil ja “in jedem Buch etwas Autobiografisches steckt”. Autsch! Spätestens da hätte ich die Fernbedinung suchen sollen, aber es kommt noch besser!

Natürlich hat der Börsenguru auch noch Beziehungen zu einem Swingerclubbesitzer, so dass Kommissar van In samt Gattin, die an dem Fall als Ermittlungsrichterin beteiligt ist, inkognito und in Unterwäsche in diesem Club “ermitteln”. Endlich wieder eine Gelegenheit, nackte Haut und erstaunliche Unterwäschemodelle zu zeigen, sowie Frauen die sich an Stangen räkeln. Just in diesem Moment, als Frau Richterin und Herr Komssar sich im Swinger-Club umschauen, wird der Club-Besitzer ermordet. Pardauz, noch ein Fall!

Sogleich ist die Ermittlingsrichterin Hannelore Martens Feuer und Flamme und macht den Job der Polizisten gleich mit. Sie fährt in das Haus des Börsengurus, wo sie schon vom Handlanger eines russischen Mafia-Bosses erwartet wird, der soeben die Frau des Hauses entdeckt hat (die mit dem ständig nackten Busen). Die Frau des Börsengurus wird von ihrem Mann zeitweilig im Keller eingeschlossen und damit für ihre Seitensprünge “bestraft”. Die Kelleraufenthalte werden ihr dann regelmäßig durch Shopping-Reisen nach London vergütet. Nach eigenen Aussagen macht ihr das Spaß, ihr Mann war immer “gut zu ihr”. Wie bitte? Was soll das? Was für ein Unfug.

Die taz schreibt: “Pieter Aspe ist der erfolgreichste Krimiautor in Belgien.” Und ich denke WTF? Sind die Belgier so anders als wir? Unter dem Deckmantel einer feigenblattfeministischen Szene (die Frau des Komissars ist seine Chefin, die Ermittlungsrichterin) kippt uns Aspe einen solchen sexistischen und menschenverachtenden Bockmist vor die müden Augen, dass man sich glatt beim ZDF beschweren müsste.

Ach ja, wo waren wir stehen geblieben? Beim Handlanger des russischen Mafia-Bosses, der im Haus des Börsengurus auf die überambitionierte Richterin trifft. Bis zu diesem Zeitpunkt musste man sich schon mehrmals reinziehen, wie ein russischer Mafia-Boss so lebt. Sie ahnen es schon. Da wird rund um die Uhr mit stets homöopatisch bekleideter Frau kopuliert. Man(n) gönnt sich ja sonst nichts.

Der Handlanger gibt sich als Börsenguru aus, die Richterin ahnt, dass da etwas nicht stimmt und fährt dem Handlanger mit dem Auto hinterher. Was aber ein ordentlich ausgebildeter Mafia-Mitarbeiter ist, schaut natürlich in den Rückspiegel und entdeckt die Richterin und Mutter von höchstens einjährigen Zwillingen. Was denkt die sich, fragt sich die Zuschauerin. Einfach mal ein bischen observieren, kann ja nicht so schwer sein? Es endet wie es enden muss, für die Richterin im Straßengraben, wegen fehlendem Airbag sogar bewusstlos und verletzt.

Die an den Haaren herbei gezogene Story löst sich dann glücklicherweise ziemlich zügig auf, wenn auch genauso unglaubwürdig wie sie angefangen hat. Die bisher so willige Gespielin des Mafia-Bosses entdeckt ihre soziale Ader und befreit die Frau des Börsengurus aus ihrem Kellergefängnis und gemeinsam mit dem Börsenguru bietet sie der Polizei einen Lockvogel-Deal an, um den Mafia-Boss zu stellen.

Beim Ortstermin platzt dann zunächst die wiedergenesene immernoch überambitionierte Richterin herein, aber der Coup scheint zu gelingen: Der Mafia-Boss tappt tatsächlich in die Falle, anstatt nur seinen Handlanger alleine zur Drecksarbeit zu schicken. Ein haarsträubender Dialog entspinnt sich zwischen Mafia-Boss, seiner Geliebten und seinem Handlanger und dem Börsenguru, alles belauscht von der Polizei im Nebenzimmer. Es kommt zum Schusswechsel und zu allem Überfluss erscheint die Frau des Börsengurus genau im richtigen Moment und erschießet den Mafia-Boss. Ihr Motiv bleibt aber ebenso im Dunklen, wie das der Geliebten des Börsengurus, aber wer versteht schon die Frauen mag sich Aspe gedacht haben.

Der unsäglichen Story setzt Aspe dann mit der Schlussszene die Krone auf: Die Geliebte des Mafia-Bosses sitzt in einem Auto mit einem offensichtlich hochgestellten belgischen Politiker (oder dessen persönlicher Referent, wer weiss das schon) und übergibt ihm eine CD, hinter der den ganzen Abend alle Mitspieler her waren. Der Politiker bedankt sich dann auch im Namen des Ministerpräsidenten, der ab jetzt sicher noch besser regieren werde. Hä? Damit auch der letzte Depp vor der Glotze kapiert, dass Börsengurus, Swingerclubs und russische Mafia natürlich bis in die Spitzen mit jeder europäischen Regierung verstrickt sind?

Damit ist das Drama dann endgültig vorbei und das ist auch gut so. Der nächste Mord in Brügge wird auf jeden Fall ohne mich stattfinden. Ersatzweise werde ich vielleicht andere kulturellen Vorlieben der Belgier versuchen zu ergründen. Belgische Pralinen zum Beispiel.

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3 Responses to Mord in Brügge von Pieter Aspe – Staffel 1 – Folge 1

  1. the gaffer says:

    Mag den Barnaby sehr gern und auch der Gently war nicht schlecht, aber die belgische Grütze hat mich qualitativ an ein Ferienvideo des Offenen Kanals von wer-weiß-wo erinnert. Dann doch lieber wieder etwas britisches wie Hautnah oder Dalziel and Pascoe. :(

  2. Nachrichten says:

    Ein sehr interessanter Artikel. Sollten Sie noch weitere Informationen haben – wurde ich mich freuen

  3. [...] Naja, war auch mal wieder Zeit nach dem etwas dürftigen Sommer. [...]

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